Wiege der Menschheit

 

In einem Raum wird aus kleinen Döschen Oxytocin gereicht. Jeder weiß, dass die Körper es heute kaum mehr herstellen, sodass die Gemeinschaft in Gefahr ist, denn es ist der Stoff, der es einst möglich machte, die ganze Welt zu lieben, auch die Kinder, die übrigens nicht mehr zur Welt kommen, weil das Zeug eben fehlt. Heute gibt es nur noch diese Rettung aus dem Labor für uns. Verschließt euch nicht dieser wunderbaren Lösung! Dann, in einem anderen Moment, stellt der Mensch fest, dass das Ganze vielleicht nur ein Theater ist. „Ich meine“, sagt die Person, „das ist ja nur ein Rausch“. Ist das schlimm oder nicht? Sie liebt aufgrund des Zeugs jedenfalls auch die, die es ihr geben und die eigentlich einen Feldzug gegen sie führen.

Die Goldene Pagode

 

Die Domus Aurea, die Villa eines Gottes namens Kaiser mitten im Zentrum, ist der Inbegriff der Störung des kleinen Mannes. Der kleine Mann mit seinem braunen Sakko geht morgens aus dem Haus. Er hat seine Träume unwillig hinter sich gelassen. Nun strebt er sie wieder an. Da verfängt sich auf dem Weg sein Blick an etwas auf seinem Hemd, das er aus anatomischen Gründen nur ganz verschwommen sehen kann. Es ist vielleicht ein Fleck, vielleicht auch ein Insekt, ein Skarabäus, der ihm etwas prophezeit. Aber die Sache kommt ihm viel größer vor, denn er will seinem Leben unbedingt eine Bedeutung geben. Dieser kleine Mann von der Straße, die immer und immer wieder um die Domus Aurea herumführt, dieser Leidensweg, der ständig eine Umleitung nimmt, die dann das Leben gewesen ist, kommt zu keinem Schluss. Das deutet ja auch schon der Ausdruck „der kleine Mann von der Straße“ an. Dieser kleine Mann ist immer unterwegs, er strebt und strebt, aber die Straße ist verschlungen. Und er strebt, denn die Domus Aurea steht immer vor seiner Nase und behindert seinen Fortgang. Und da steht er und denkt, er müsse vor einem wichtigen Meeting noch einmal nach Hause, um ein neues Hemd anzuziehen. Er fühlt sich nicht gerüstet, eine Heldentat zu vollbringen, die ihn als Gott in die Domus Aurea versetzen könnte. Nur dieses neue Hemd wird aus ihm einen Durchmarschierer machen, einen, der mit dem Kopf durch die Wand kann. Aber die Villa, die sein Wahn ist, liegt eben auch wieder zwischen ihm und dem rettenden Produkt, und so verzögert sich alles. Ja, genau das, was er am Ende erreichen will, das Leben als Gott, steht ihm als das Leben eines anderen, zu dem er sich auf den Weg gemacht hat, im Weg. Wie sollte man da nicht verrückt werden? Und während er das alles bedenkt und wahnsinnig wird, wischt der kleine Mann von der Straße ein bisschen an dem Fleck rum, an dieser blöden Domus Aurea, aber das macht das Ganze nur noch schlimmer, die Domus Aurea, sein Traum und sein Hindernis auf dem Weg zum Wahrmachen des Traums wird immer noch ausladender, je öfter er diese Wunderlampe poliert. Sie bekommt irre schillernde Einsichten, die natürlich nur Projektionen sind, aber immerhin. Sie laden ihn ein, sich das Paradies probeweise anzusehen.

Sprint

Die letzten Wähler und Wählerinnen setzen nicht mehr als  einen zittrigen Schritt vor den anderen. Kaum werden sie es bis zur Wahlurne schaffen. Doch jubelt diesen Erschöpften das Volk ganz besonders zu. „Hopp, hopp, hopp“, schreien die Leute, „es sind nur noch zwei Minuten bis ins Ziel“, und sie reichen den Kämpfern und Kämpferinnen Plastikflaschen mit Mineralwasser, die jene nach ein paar Schlucken mit letzter Kraft auf die Straße schleudern. Und der Teil des Publikums, der seine Pflicht tun wird bis zum letzten Moment, jubelt und schlägt mit allerlei Gratis-Instrumenten, auf denen bunte Werbeaufdrucke prangen, gegen die eigenen Hände. Denn der Ton macht die Musik. Wenn aber die Wähler und Wählerinnen endlich angekommen sind, wenn die Hand ihre Urne berührt hat, werden sie in goldglänzende Folien gewickelt, und das Volk zieht ihnen die Schuhe aus, dann legen sie sich endlich nieder.