Die zwei Henriettas

„Die zwei Henriettas. Eine Odyssee“ ist im März im Czernin Verlag eschienen.

Zur Rezension von Marcus Neuert gehts hier.

»Henrietta. Das Bild tritt mit deinem Jahrhundert in Verbindung. Ein Paket von Scans vergilbter Fotografien liegt auf deinem Schreibtisch, mit Rändern, die diese bösartige Schlampe von Zeit, in der du lebst, an den Ecken angeknabbert hat, als wären es Tafeln von im Schrank der Oma weiß angelaufener Schokolade.«

Deutsche und Österreicher, die im 19. und 20. Jahrhundert in die USA auswandern, stehen im Mittelpunkt von »Die zwei Henriettas. Eine Odyssee« – einer Geschichte, in der nichts erfunden, aber alles Fiktion ist. Die Erzählerin verwächst zusehends mit den historischen Henriettas und knöpft sich, verbal ungebremst, das World Wide Web vor, das ihr nur eingeschränkt Zugang zur Vergangenheit gewährt.

Ausgangspunkt der Recherche ist ein Konvolut von Fotografien aus dem Nachlass eines Verwandten. Und bei diesen bleibt die Erzählerin gleich einmal hängen: Die Sehnsucht nach Wahrheit, Hintergründen und Räumlichkeit prallt an dem flachen Gebilde ihres Bildschirms ab, den sie auf der Suche nach Informationen vor Augen hat. Ab hier versucht die Recherchierende vergeblich, an die Porträtierten ranzukommen.

Lisa Spalt nähert sich ihren Protagonisten von mehreren Seiten und stellt die große Frage in den Raum, was die Geschichte eines Menschen im Netzzeitalter eigentlich noch bedeutet. Welche Daten bleiben von uns, wie wird man sie deuten und zu welchen Geschichten wird man sie verflechten?

„Aber wo, liebe Kinder, werdet ihr euch fragen, kommen die Avatare hin, wenn sie dereinst sterben? Nun, ich sage euch, meine lieben Schäfchen, die Avatare verschwinden, wenn sie sterben, in einer Art Vorhölle, die wir uns gar nicht schlimm genug vorstellen können. Wir können ja gut verstehen, dass sie sterben, sobald sie zu arm sind, um sich bei uns an der Oberfläche blicken zu lassen – wenn die Credits schwinden, verpuffen sie und fallen in ein Zwischenreich. Da sind sie dann und können nicht mehr raus. Aber sie wollen das doch infolge ihres Programms: Sie wollen groß rauskommen, wollen wieder auf den Bildschirm hinaus, hinein ins wilde Leben. Oh, ihr Surfer, ihr Götter, ihr hört die Schreie der Verdammten nicht, aber ihr verspüret doch hier herüben diesen Druck, das Level noch einmal zu spielen […].“